Ein Kennzeichen von Flucht ist, dass sie in der Regel ohne langwierige Vorbereitung erfolgt. Soweit die Einreise mit Hilfe von privaten oder professionellen Fluchthelfer_innen erfolgt, behalten diese die benutzten Grenzübertrittspapiere zudem oft ein. Daher kommen viele Jugendliche ohne gültige Papiere nach Europa und haben auch kaum Möglichkeiten ihr Alter zu dokumentieren. Es ist somit die Aufgabe des Jugendamts im Rahmen des Clearingverfahrens zu klären, ob eine Minderjährigkeit und somit eine Schutzbedürftigkeit vorliegt.

Die Alterseinschätzung ist eine der schwierigsten und folgenreichsten Entscheidungen im Ankommensprozess von jungen Flüchtlingen. Schwierig ist die Entscheidung, weil es keine zuverlässigen Methoden und Kriterien für die Einschätzung des Alters gibt. Folgenreich, weil die Alterseinschätzung darüber entscheidet, ob Zugang zu eigenem Wohnraum, Bildung, rechtlicher Vertretung, Gesundheitsversorgung und möglicherweise sogar zu einem Aufenthaltstitel besteht. Dies verlangt eine besondere Sorgfalt und Qualifikation des Verfahrens.

Da es bisher keine wissenschaftliche Methode gibt, das aktuelle Lebensalter eines Menschen verlässlich festzustellen, kann es sich bei der Alterseinschätzung nur um einen „Näherungswert" handeln. Gerade während der Pubertät ist die Schätzung des Alters aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes nahezu unmöglich.

Das Verfahren der Alterseinschätzung muss auf der Grundlage ethisch und wissenschaftlich vertretbarer Methoden erfolgen und zudem rechtsstaatlichen Grundsätzen genügen. Der Bundesfachverband UMF hat notwendige Verfahrensgarantien und -maßnahmen für die Alterseinschätzung bei unbegleiteten Minderjährigen herausgearbeitet und in einer Broschüre übersichtlich zusammengestellt. Ausgehend von sozialpädagogischen und rechtlichen Anforderungen an den Umgang mit Minderjährigen werden notwendige Maßnahmen des Kinderschutzes im Rahmen der Alterseinschätzung dargelegt und mithilfe von Prüflisten handhabbar gemacht.

Stand: Juli 2015


Weiterführende Materialien

Gemeinsame Stellungnahme der kinder- und jugendpsychiatrischen Fachgesellschaft und der Fachverbände zu Methoden der Altersfeststellung bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, Nov. 2015.

"Alterseinschätzung. Verfahrensgarantien für eine kindeswohlorientierte Praxis", Broschüre des Bundesfachverbands UMF, 2015.

Fachartikel aus dem Deutschen Ärtzeblatt: "Strittiges Alter - strittige Altersdiagnostik", 2014.

Gutachten zu medizinischen Methoden der Altersfestsetzung, in Auftrag gegeben von UNHCR Wien, 2013.

Positionspapier zur Altersfestsetzung bei unbegleiteten Minderjährigen in Europa von SCEP, 2012.

Übersicht über die Praxis der Altersfestsetzung in europäischen Ländern, SCEP, 2011 (engl.).

Übersicht über die Praxis in den Bundesländern, Zusammenstellung aus der Antwort der Bundesregierung zur Aufnahme von UMF, DBT-Drucksache 16/13166 aus dem Jahr 2009.

Beschluss Dt. Ärztetag aus dem Jahr 2007

Urteil VG Freiburg 2004.pdf, Urteil des Verwaltungsgerichts Freiburg über eine Klage bzgl. einer Altersfestsetzung)

Urteil des VG Münster 5.2.2004 K 1325/01:

Aus dem Urteil geht hervor, dass das Jugendamt sich von den Voraussetzungen der Inobhutnahme selbst überzeugen muss. Es ist Aufgabe des Jugendamtes, die Voraussetzungen für die Erbringung von Jugendhilfe - also auch der Inobhutnahme - in eigener Verantwortung zu klären und erst dann die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen. Es ist daher unumgänglich, dass sich das Jugendamt vor Beginn der Inobhutnahme einen eigenen Eindruck von dem Wahrheitsgehalt der Angaben des Hilfesuchenden verschafft auch wenn andere Stellen/ Behörden (Bundespolizei, Polizei, Bundesamt für Migration und Integration, Ausländerbehörde, Familiengericht, ...) sich vorher bereits zum kalendarischen Alter der Person geäußert haben.


BVerwG EZAR 600 Nr.6:

Aus dem Urteil geht hervor, dass unter Heranziehung des Schutzgedankens des Art. 20 Abs.1 der UN- Kinderrechtskonvention bei der Ungewissheit über den Tag der Geburt das spätest mögliche Geburtsdatum innerhalb des bekannten Geburtsjahres zugrunde zu legen ist (31.12.).

VG Hamburg, Beschluss v. 20. Juni 2001-16 VG 1765/01- sowie VG Leipzig NVwZ-rr 1995, 422