Paradigmenwechsel: Vom abhängigen Opfer zum handlungsfähigen Akteur

Aufgrund der schwierigen Situation, in der sich junge Flüchtlinge in Deutschland befinden, wird in der einschlägigen Fachliteratur sowie in der Praxis zumeist ihr Schutzbedürfnis sowie ihre (institutionelle) Abhängigkeit in den Vordergrund gestellt. In der Regel werden sie als besonders verwundbare, passive und schutzlose Personengruppe wahrgenommen und dargestellt, deren Interessen es durch Pädagogen und andere Fachleuten zu vertreten gilt.

Oft gerät dabei in den Hintergrund, dass diese Jugendlichen nicht allein Opfer, sondern ebenso kompetente und aktiv handelnde Menschen mit vielfältigen Ressourcen sind.

Jugendliche, die längere Zeit in Kriegs- oder Krisengebieten verbracht haben, entwickeln oft eigene Schutzmechanismen und Bewältigungsstrategien. Dem Paradigma von Vulnerabilität und Ohnmacht stehen dabei Erfahrungen von Selbstschutzstrategien, Überlebenskompetenz, Anpassung und Resilienz entgegen.

Junge Flüchtlinge als Agenten mit aktiver Handlungskompetenz, Fähigkeiten und Kapazitäten anzuerkennen und sie in Problemlösungsprozesse mit einzubeziehen, ist für den Bundesfachverband unverzichtbar. Es muss ein Paradigmenwechsel – vom Opferdiskurs hin zu einer Betonung der Stärken und persönlichen, sozialen und politischen Ressourcen dieser Personengruppe - stattfinden. Wenn man die umfassend geschilderte Problemlage und die daraus resultierenden Unzugänglichkeiten und Benachteiligungen junger Flüchtlinge in unserer bundesrepublikanischen Gesellschaft näher untersucht, darf es nicht verwundern, dass Kinder, Jugendliche und jungen Erwachsene für sich häufig keine Zukunftsperspektive in Deutschland sehen können und eine fatalistische Grundhaltung entwickeln. Dem gilt es entgegenzuwirken. Niemand darf aufgrund seiner Herkunft und seines Aufenthaltsstatus davon ausgeschlossen werden, an einer Gesellschaft teilzunehmen, in der er oder sie sich tatsächlich befindet.

Der Bundesfachverband umF hat sich der Aufgabe angenommen an der Zukunft dieser Personengruppe von Menschen mitzuwirken, indem wir mit ihnen gemeinsam versuchen, die Gegenwart positiv zu verändern. Das Instrument dazu ist der Versuch, junge Menschen so zu qualifizieren und zu befähigen, dass sie selbstständig ihre Zukunft in diesem Land mitgestalten können. Voraussetzung dafür ist, dass der Grad der gesellschaftlichen Teilhabe, sprich der PARTIZIPATION, in allen Bereichen des politischen und gesellschaftlichen Lebens erhöht wird. Dieses Ziel können wir mit Ihnen gemeinsam nur durch eine stärkere VERNETZUNG der jungen Menschen untereinander erreichen.

 

Was heißt Partizipation?

Der Begriff der Partizipation ist nicht neu. Seit den 1960er Jahren ist er v.a. in der politischen Gemeinwesenarbeit und der Pädagogik anzutreffen, seither hat sich die Definition des Begriffs stets weiterentwickelt; heute wird seine Gültigkeit auf ein breites Spektrum gesellschaftlicher Subsysteme angewandt. Als demokratietheoretischer Terminus steht er für das Interesse von Menschen an den Entscheidungsprozessen, die ihre Lebenswelt beeinflussen, und dafür, an diesen Entscheidungsprozessen verantwortungsvoll mitzuwirken.

„Es wird über unsere Angelegenheiten entschieden, also haben wir ein Recht darauf, mitzuentscheiden!"

Partizipation wird demzufolge eingefordert auf Grundlage der Selbstbestimmungsrechte und der menschlichen Würde, sie ist rechtlich verankert der UN-Charta der Menschenrechte. Das Recht speziell von Kindern und Jugendlichen auf Beteiligung besitzt seine gesetzliche Grundlage in der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 und im nationalen Kinder- und Jugendhilfegesetz: hier wird festgelegt, dass Kinder einen Anspruch auf kindgerechte Information, freie Meinungsäußerung, selbstbestimmte Organisation und Beteiligung am kulturellen Leben haben (KRK, Art. 12-15, 17, 28, 29, 31 sowie KJHG § 8 Abs. 1).

Hinter dem Begriff „Partizipation" steckt jedoch nicht nur aktive Teilhabe an gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen durch vorhandene institutionelle Strukturen, sondern ebenso auch private sowie öffentliche soziokulturelle Teilhabe, die Handlungsspielräume erweitern und Machtunterschiede ebnen kann. Aufgrund der rechtlich schlechten Stellung von UMF und der oftmals schwierigen psychischen Situation ist die soziokulturelle Teilhabe in unserem Zusammenhang besonders von Bedeutung.

In beiden Fällen zielt Partizipation jedoch auf die „Gewinnung von Kontrolle und die Ermöglichung der Gestaltung der eigenen Lebensumstände" ab.1

 

Gesellschaftliche, politische und soziokulturelle Teilhabe

Die Partizipationsforschung unterscheidet grundsätzlichen zwischen „konventioneller" und „unkonventioneller" Partizipation, wobei sich „konventionelle" Beteiligung in einem politisch-institutionellen Rahmen abspielt und sich in erster Linie in Wahlen oder Volksentscheiden äußert und „unkonventionelle" Beteiligung legal oder illegal ohne institutionellen Rahmen stattfindet.

Aus politischer Sicht bedeutet Partizipation immer ein Teilen von Macht. Es geht darum, Entscheidungen, die das eigene Leben und das Leben der Gemeinschaft betreffen, zu teilen und gemeinschaftlich Lösungen für Probleme zu finden. Partizipation ermöglicht Integration und Integration ermöglicht neue Formen der Partizipation - dies verdeutlicht die kreisförmige Interdependenz beider Konzepte, der Partizipation sowie der Integration.

Gerade junge Flüchtlinge fühlen sich aufgrund ihrer rechtlichen Situation von gesellschaftlichen Prozessen ausgeschlossen. Selbst in Bereichen, die unmittelbar ihre Lebenswelt betreffen, haben sie kaum Mitsprachemöglichkeiten. Um so wichtiger erscheint es dem Bundesfachverband UMF bestehende Formen der Beteiligung auf die in dieser Hinsicht vernachlässigte Gruppe der jungen Flüchtlinge anzuwenden und in diesem Prozess neue Formen zu erschließen.

Mit der theoretischen Bereitstellung von Partizipationsmöglichkeiten ist es jedoch noch nicht getan. Für eine erfolgreiche Beteiligung müssen die Jugendlichen entsprechend qualifiziert werden. Hierzu gehört das Trainieren unterschiedlichster individueller, sozialer, fachlicher, kultureller und politischer Kompetenzen. Durch den Erwerb von neuen vielfältigen Kompetenzen, das Herstellen gesellschaftlicher Bezüge für Minderheiteninteressen und die Mobilisierung von Aktivitäten, die für den individuellen Integrationsprozess wichtig und förderlich sind, wird soziales Kapital gebildet, das am Ende einen Mehrwert für die gesamte bundesrepublikanische Gesellschaft darstellt.

 

Erste partizipative Ansätze in der Jugendflüchtlingsarbeit

Obwohl die Situation junger Flüchtlinge in Deutschland von diversen Schwierigkeiten gekennzeichnet ist, gibt es seit der Jahrtausendwende vereinzelt partizipative Ansätze in der Jugendflüchtlingsarbeit. Im Gegensatz zu Ländern wie England oder Belgien ist Deutschland jedoch wahrlich kein Vorreiter, wenn es um die gesellschaftliche Beteiligung dieser Menschen geht. Dennoch bewegt sich auch hierzulande etwas.

Dies beweisen erfolgreich durchgeführte Projekte in unterschiedlichen Bundesländern wie z.B. „Baklava" (VIA Bayern e.V. 2004 – 2007) und „Mokala" (Woge e.V., Hamburg, 2004 – 2007) oder die Arbeit der seit 1999 existierenden transnationalen Hamburger Kunstbühne „Hajusom!" sowie des GRIPS-Theaters aus Berlin. Im Rahmen der Kampagne „Hier geblieben! Für ein Bleiberecht von Kindern, Jugendlichen und deren Familien" haben drei junge Autoren des GRIPS-Theaters den authentischen Fall der Schülerin Tanja Ristic nachgezeichnet. Erzählt wird die Geschichte eines Mädchens, das im Jahr 2004 aus dem Unterricht geholt und zu ihrer Familie in Abschiebehaft gebracht wurde. Dem Einsatz ihrer Klasse war es zu verdanken, dass die Abschiebung von Tanja und ihrer Mutter bis heute nicht vollzogen wurde. Die Klasse wurde dafür auch mit dem Mete-Eksi-Preis ausgezeichnet. Tanjas Geschichte steht exemplarisch für die Situation von 200.000 sogenannten "Geduldeten" Flüchtlingen in Deutschland.

Im Umfeld des GRIPS-Theater fand sich 2005 die Initiative „Jugendliche ohne Grenzen" zusammen, junge Flüchtlinge, die sich gemeinsam für ein Bleiberecht stark machten. Seit 2005 setzt sich die bundesweit aktive Initiative gegen Abschiebung und Residenzpflicht und für ein umfassendes Bleiberecht für alle Menschen ein. Mit zahlreichen Aktionen und regelmäßigen Jugendkonferenzen, die immer parallel zu den Innenministerkonferenz stattfinden, gelang ihnen im November 2006 die Durchsetzung des Bleiberechts.

„Jugendliche ohne Grenzen" (JOG) ist gelebte Partizipation junger Flüchtlinge in Deutschland. Es ist die einzige selbstverwaltete Initiative junger Flüchtlinge, darüber hinaus auch die einzige bundesweit aktive. Die Jugendlichen ohne Grenzen schaffen es jedes Jahr u.a. mit einer gut organisierten, interessanten Konferenz großes Medieninteresse auf sich zu ziehen und damit das Thema Bleiberecht wieder in die Öffentlichkeit zu bringen.

 

1 Ministerium für Arbeit, Soziales, Stadtentwicklung, Kultur und Sport NRW – MASSKS – (Hg.) (1999) Selbstorganisation von Migrantinnen und Migranten in NRW. Wissenschaftliche Bestandsaufnahme, Düsseldorf, S. 19.

 


Weiterführende Materialien und Links

Bundesfachverband umF: HANDLUNGSKONZEPT Partizipation in der stationären Kinder- und Jugendhilfe, Nov. 2013

Bundesfachverband umF, Auf Augenhöhe- Multiplikatoren im Dialog mit Fachkräften. Organisationspartizipation junger Flüchtlinge beim Bundesfachverband umF. Tagungsdokumenation, 2009.

Handlungsleitlinien der BAG Landesjugendämter: Handlungsleitlinien zur Umsetzung des Bundeskinderschutzgesetzes im Arbeitsfeld der betriebserlaubnispflichtigen Einrichtungen nach § 45 SGB VIII ausgenommen Kindertageseinrichtungen, November 2012.

Vortrag Prof. Dr. Mechthild Wolff (FH Landshut): Beteiligung (und Sicherheit) als Entwicklungsvoraussetzungen - Implementierungshindernisse zwischen Recht, Fachpolitik und Praxis

Vortrag Frank Wettengel (LJA Rheinland-Pfalz): Vorfahrt für Partizipation - Beteiligung als Aspekt des Schutzes von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen nach § 45 SGB VIII

Vortrag Stefan Rösler (LJA Bayern): Fachliche Grundlagen für die Entwicklung partizipativer Strukturen in Einrichtungen und die Rolle von Landesheimräten
weitere Informationen des Ad-hoc-Ausschuss des Landesjugendhilfeausschusses "Partizipation in der stationären Jugendhilfe" unter: http://www.blja.bayern.de/themen/erziehung/heimerziehung/index.html

 

http://www.diebeteiligung.de/index.php?&pageID=30

http://mitbestimmen-in-berlin.de

http://www.partizipation-und-bildung.de

http://www.kinderpolitik.de/beteiligungsbausteine/uebersicht.php